Wenn Kommissar Zufall
regiert
Neue Erkenntnisse über ein
noch ungeklärtes Phänomen
Christen und Physiker stellten und stellen sich die
Frage nach dem Zufall auf ihre Weise. Der Christ glaubt an die Allmacht Gottes.
Der Naturwissenschaftler kennt die Gesetze der Thermodynamik, weiß aber nicht,
warum sie gelten. Der Kreis schließt sich interdisziplinär, da der Physiker
eine Erklärung benötigt. Beide sind sich jedoch in einem einig: Gott würfelt
nicht. Es gibt keinen Zufall.
Meist negativ
besetzt
Der Begriff ‘Zufall’ ist meist negativ besetzt. Wenn
jemandem etwas Unerklärliches geschieht, dann spricht derjenige von einem
‘unheimlichen Zufall’. Nur beim Phänomen Liebe nehmen Menschen diese
schicksalhafte Begegnung dankbar und als glücklichen und nicht erklärbaren
Umstand an. Liebe ist weder käuflich noch lässt sie sich herbeizaubern. Zwei
Personen müssen zum richtigen Zeitpunkt an ein und derselben Stelle
zusammentreffen. Alles, was danach geschieht, läßt sich mittlerweile
beleuchten. Das Unterbewusstsein ‘erkennt’ den passenden Partner in Sekunden,
bevor es uns gewahr wird. Psychologen interpretieren das in einem einfachen
Satz: ‘Unbewusstes erkennt Unbewusstes in Sekundenschnelle irrtumslos.’
Warum gibt es
Zufälle?
Aber warum treffen manche ihre große Liebe mit 20,
andere im Alter von 40 Jahren oder noch später? Warum klingelt das Telefon just
in dem Moment, in dem wir an den Anrufer denken? Schamanen, aber auch einfache
Bauern, die mit der Natur leben, sprechen von Bestimmung. Wenn die Zeit reif
ist für etwas, dann fügen sich Puzzleteile zusammen, die zueinander gehören.
Der amerikanische Physiker Fred Alan Wolf erklärt Zufälle wie folgt: ‘Es
braucht einen bekräftigenden Händedruck quer durch die Zeit, damit ein Ereignis
stattfinden kann.’ Zurück zum Telefon-Beispiel: beide Personen dachten
aneinander, bevor das Ereignis des Telefonierens stattfand. Die Idee - der
Anruf - war schneller als die materielle Ausführung.
Dem
Unbewussten vertrauen lernen
Viele Menschen weigern sich in der westlichen
industrialisierten Welt, bestimmte Zusammenhänge wahrzunehmen, ihnen zu
vertrauen oder sinnvolle Zufälle und Synchronizitäten ernst zu nehmen. Dabei
sind sie Wegweiser auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Selbst bei
Grenzfragen, die das Lebensziel berühren, sollte dem ‘sinnhaften’ Zufall eine
Chance eingeräumt werden. Aber in Ruhe und niemals in einer übereilten,
überemotionalen Ad-hoc-Reaktion. Die eigene Mitte sollte als Ausgangspunkt der
Suche dienen. Eine nach außen glücklich verheiratete Frau wollte sich scheiden
lassen, weil sie sich von der väterlichen Fürsorge ihres Mannes erdrückt
fühlte. Aber sie hatte Skrupel wegen der Kinder. Durch ‘Zufall’ traf sie eine
alte Freundin, die ihr riet, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Das war
der Schlüssel zu ihrem privaten Glück und die Lösung. Der Entschluß, an diesem
Sonntag in eine andere Kirche zu gehen, hatte sie zu dieser Freundin geführt.
Für diese Frau war das eine Absegnung Gottes.
Ein innerer
Leitfaden führt uns
Es mag manchem, der in sich ruht und auf seine
innere Stimme hört, öfters als Wink vorkommen, urplötzlich einen anderen Weg
einzuschlagen oder unbedingt irgendwohin fahren zu müssen. Dieser Mensch folgt
einer inneren Schiene, die ihn leitet. In der Rückschau erscheint dieses
Geleitetwerden als durch und durch sinnvoll. Vielleicht wurde so der Partner
fürs Leben gefunden, eine neue Arbeitsstelle oder etwas anderes Beglückendes.
Das Unbewußte führt, wenn der Betreffende es zuläßt. Es ist nicht immer
notwendig, sofort nach dem Sinn zu fragen. Er ergibt sich von allein - später.
Wer in Bildern denkt, füttert sein Unterbewußtsein damit. Es ist also ratsam,
sich Positives und Aufbauendes auszumalen und sich nicht zu wundern, wenn eines
Tages tatsächlich die Traumkulisse Asiens vor einem liegt oder der Traum vom
eigenen Bekleidungsgeschäft in Erfüllung geht.
Unbewusstes
und bewusstes Handeln
Selbstverständlich genügt das alleine nicht. Aber
durch das Füttern des Unterbewusstseins wird jeder folgende Schritt in Richtung
Ziel zeigen und zum Endresultat führen. Das Schwierige daran ist lediglich, die
sinnvollen Zufälle von den unwichtigen zu unterscheiden. Vielleicht hilft es,
in einem Tagebuch die vergangenen Zufälle zu notieren. Auch Träume gehören
dazu, die die Zukunft ‘voraussagen’. Die Zwillingsforschung kennt Phänomene,
wonach beide zur selben Zeit in einen Unfall verwickelt sind, obwohl sie weit
voneinander entfernt leben. Der dänische Physiker Niels Bohr fand heraus, dass
sich Teilchen, die vereint waren und getrennt wurden, so verhalten, als ob sie
vom Zustand des anderen wüßten. Und das über große Distanzen hinweg. Es gibt
viel mehr Interaktionsmuster auf der atomaren und der Quantenebene als bislang
vermutet.
Alles ist
Energie
Für Physiker ist alles im Fluss, auch die
intelligente Energie. Obwohl Energie nicht erklärbar ist und keiner genau weiß,
was das eigentlich ist. Aber sie ist da, als Basis der Synchronizität und ohne
genaue Ursache. Bei der Theorie über die Entstehung der Welt, die die Physiker
nur allzugerne als Urknall sehen und die heute wieder umstritten ist,
verschmelzen Glaube und Naturwissenschaften ineinander. Der Glaube liefert den
Sinn, die Physik die Gesetze.
© Corinna S. Heyn
Literaturhinweise:
Stefan Klein,
Alles Zufall, Rowohlt Verlag 2004
Carmen Thomas,
Vom Zauber des Zufalls. Eine Einladung zum Mitmachen. Kiepenheuer & Witsch,
Köln 1998.
Penny Peirce,
Erwecke deine Intuition. Das Programm zur Stimulierung der Netzwerke unserer
Intelligenz. Integral, Bern/München/Wien 1999.
Mark Buchanan,
Small Worlds. Spannende Einblicke in die Komplexitäts-Theorie. Campus,
Frankfurt/New York 2002.
Theodor
Seifert/Angela Seifert, So ein Zufall! Synchronizität und der Sinn von
Zufällen. Herder spektrum, Freiburg/Basel/Wien 2001.