Samstag, 15. Oktober 2011


Wenn Kommissar Zufall regiert

Neue Erkenntnisse über ein noch ungeklärtes Phänomen

Christen und Physiker stellten und stellen sich die Frage nach dem Zufall auf ihre Weise. Der Christ glaubt an die Allmacht Gottes. Der Naturwissenschaftler kennt die Gesetze der Thermodynamik, weiß aber nicht, warum sie gelten. Der Kreis schließt sich interdisziplinär, da der Physiker eine Erklärung benötigt. Beide sind sich jedoch in einem einig: Gott würfelt nicht. Es gibt keinen Zufall.

Meist negativ besetzt

Der Begriff ‘Zufall’ ist meist negativ besetzt. Wenn jemandem etwas Unerklärliches geschieht, dann spricht derjenige von einem ‘unheimlichen Zufall’. Nur beim Phänomen Liebe nehmen Menschen diese schicksalhafte Begegnung dankbar und als glücklichen und nicht erklärbaren Umstand an. Liebe ist weder käuflich noch lässt sie sich herbeizaubern. Zwei Personen müssen zum richtigen Zeitpunkt an ein und derselben Stelle zusammentreffen. Alles, was danach geschieht, läßt sich mittlerweile beleuchten. Das Unterbewusstsein ‘erkennt’ den passenden Partner in Sekunden, bevor es uns gewahr wird. Psychologen interpretieren das in einem einfachen Satz: ‘Unbewusstes erkennt Unbewusstes in Sekundenschnelle irrtumslos.’

Warum gibt es Zufälle?

Aber warum treffen manche ihre große Liebe mit 20, andere im Alter von 40 Jahren oder noch später? Warum klingelt das Telefon just in dem Moment, in dem wir an den Anrufer denken? Schamanen, aber auch einfache Bauern, die mit der Natur leben, sprechen von Bestimmung. Wenn die Zeit reif ist für etwas, dann fügen sich Puzzleteile zusammen, die zueinander gehören. Der amerikanische Physiker Fred Alan Wolf erklärt Zufälle wie folgt: ‘Es braucht einen bekräftigenden Händedruck quer durch die Zeit, damit ein Ereignis stattfinden kann.’ Zurück zum Telefon-Beispiel: beide Personen dachten aneinander, bevor das Ereignis des Telefonierens stattfand. Die Idee - der Anruf - war schneller als die materielle Ausführung.

Dem Unbewussten vertrauen lernen

Viele Menschen weigern sich in der westlichen industrialisierten Welt, bestimmte Zusammenhänge wahrzunehmen, ihnen zu vertrauen oder sinnvolle Zufälle und Synchronizitäten ernst zu nehmen. Dabei sind sie Wegweiser auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Selbst bei Grenzfragen, die das Lebensziel berühren, sollte dem ‘sinnhaften’ Zufall eine Chance eingeräumt werden. Aber in Ruhe und niemals in einer übereilten, überemotionalen Ad-hoc-Reaktion. Die eigene Mitte sollte als Ausgangspunkt der Suche dienen. Eine nach außen glücklich verheiratete Frau wollte sich scheiden lassen, weil sie sich von der väterlichen Fürsorge ihres Mannes erdrückt fühlte. Aber sie hatte Skrupel wegen der Kinder. Durch ‘Zufall’ traf sie eine alte Freundin, die ihr riet, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Das war der Schlüssel zu ihrem privaten Glück und die Lösung. Der Entschluß, an diesem Sonntag in eine andere Kirche zu gehen, hatte sie zu dieser Freundin geführt. Für diese Frau war das eine Absegnung Gottes.

Ein innerer Leitfaden führt uns

Es mag manchem, der in sich ruht und auf seine innere Stimme hört, öfters als Wink vorkommen, urplötzlich einen anderen Weg einzuschlagen oder unbedingt irgendwohin fahren zu müssen. Dieser Mensch folgt einer inneren Schiene, die ihn leitet. In der Rückschau erscheint dieses Geleitetwerden als durch und durch sinnvoll. Vielleicht wurde so der Partner fürs Leben gefunden, eine neue Arbeitsstelle oder etwas anderes Beglückendes. Das Unbewußte führt, wenn der Betreffende es zuläßt. Es ist nicht immer notwendig, sofort nach dem Sinn zu fragen. Er ergibt sich von allein - später. Wer in Bildern denkt, füttert sein Unterbewußtsein damit. Es ist also ratsam, sich Positives und Aufbauendes auszumalen und sich nicht zu wundern, wenn eines Tages tatsächlich die Traumkulisse Asiens vor einem liegt oder der Traum vom eigenen Bekleidungsgeschäft in Erfüllung geht.

Unbewusstes und bewusstes Handeln

Selbstverständlich genügt das alleine nicht. Aber durch das Füttern des Unterbewusstseins wird jeder folgende Schritt in Richtung Ziel zeigen und zum Endresultat führen. Das Schwierige daran ist lediglich, die sinnvollen Zufälle von den unwichtigen zu unterscheiden. Vielleicht hilft es, in einem Tagebuch die vergangenen Zufälle zu notieren. Auch Träume gehören dazu, die die Zukunft ‘voraussagen’. Die Zwillingsforschung kennt Phänomene, wonach beide zur selben Zeit in einen Unfall verwickelt sind, obwohl sie weit voneinander entfernt leben. Der dänische Physiker Niels Bohr fand heraus, dass sich Teilchen, die vereint waren und getrennt wurden, so verhalten, als ob sie vom Zustand des anderen wüßten. Und das über große Distanzen hinweg. Es gibt viel mehr Interaktionsmuster auf der atomaren und der Quantenebene als bislang vermutet.

Alles ist Energie

Für Physiker ist alles im Fluss, auch die intelligente Energie. Obwohl Energie nicht erklärbar ist und keiner genau weiß, was das eigentlich ist. Aber sie ist da, als Basis der Synchronizität und ohne genaue Ursache. Bei der Theorie über die Entstehung der Welt, die die Physiker nur allzugerne als Urknall sehen und die heute wieder umstritten ist, verschmelzen Glaube und Naturwissenschaften ineinander. Der Glaube liefert den Sinn, die Physik die Gesetze.
© Corinna S. Heyn

Literaturhinweise:

Stefan Klein, Alles Zufall, Rowohlt Verlag 2004

Carmen Thomas, Vom Zauber des Zufalls. Eine Einladung zum Mitmachen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998.

Penny Peirce, Erwecke deine Intuition. Das Programm zur Stimulierung der Netzwerke unserer Intelligenz. Integral, Bern/München/Wien 1999.

Mark Buchanan, Small Worlds. Spannende Einblicke in die Komplexitäts-Theorie. Campus, Frankfurt/New York 2002.

Theodor Seifert/Angela Seifert, So ein Zufall! Synchronizität und der Sinn von Zufällen. Herder spektrum, Freiburg/Basel/Wien 2001.